Geschichten, Gedichte, GedankenDas GeschenkPosted at 03:23, 1.03.2007Phil mochte diese stillen Momente am frühen Morgen. Zu keinem anderen Zeitpunkt des Tages fühlte er sich so eins mit der Welt. Seine Alltagssorgen waren weit weg. Die üblichen Pflichten, die Universität, die alten Ägypter, Papyrusrollen und Studentenfragen bekamen noch keinen Platz in seinen Gedanken. Wohlig streckte er die Beine im Bett aus. Alles war in Ordnung. Mit einem Lächeln drehte sich Phil zur Seite und blickte auf die Frau. Kathy hatte die Augen geschlossen. Sonnenstrahlen malten wärmende Muster auf ihren Körper und streichelten ihre Haut mit zärtlichen Berührungen. Phils Herz war erfüllt von diesem friedlichen Anblick. Er wünschte, die Zeit anhalten zu können, um die Kostbarkeit des Augenblicks für immer zu bewahren. Für ihn trug das Glück den Namen seiner Frau. Nach acht Jahren Ehe liebte er Kathy mehr denn je. Phil legte sich zurück ins Kissen, ohne die Augen von Kathy zu nehmen.„Sie ist so hübsch!“ dachte er. Damals, bei ihrer ersten Begegnung, fühlten beide sofort, dass sie füreinander bestimmt waren. „Als ob unser bisheriges Leben nur den einen Zweck gehabt hätte, uns zusammen zu führen“, sagte Kathy einmal und umarmte Phil. Ohne etwas erwidern zu müssen, hatte er sie fest an sich gedrückt. Beide verstanden sich wortlos. Plötzlich fiel Phil etwas ein. Leise erhob er sich aus dem Bett. Fast hätte er beim Betrachten seiner Frau die Überraschung vergessen, die er für Kathy besorgt hatte. Wochenlang hatte er danach gesucht, Erkundigungen eingezogen und Telefonbücher gewälzt. Er wollte das Beste und Schönste für sie. So wie sie das Beste und Schönste für ihn war. Dann endlich traf er auf den Meister seines Fachs. Jemanden, der in der Lage schien, nach Phils Vorstellungen zu arbeiten. Das Ergebnis überstieg seine Erwartungen bei weitem. Kathy würde begeistert sein, das hatte er gewusst, beim ersten Blick in das Etui. Er holte das Kästchen aus seinem Aktenkoffer im Flur. Am liebsten wäre er sofort damit ins Schlafzimmer gestürmt, um Kathy das Geschenk zu präsentieren und sich den Lohn für seine Mühen abzuholen: ihr Entzücken. Doch dann überlegte er, wie viel reizvoller es wäre, wenn er seine Vorfreude ein wenig hinauszögern würde, wenn er sich - ihr Gefallen sicher - die Spannung ein kleines bisschen erhielte, um sie dadurch noch zu steigern. Phil setzte Wasser auf. Er wollte Frühstück machen. Kathy aß morgens nie etwas, aber für ihn waren ein Kaffee und eine Scheibe Toast die passende Voraussetzung, den Tag gestärkt zu beginnen. Der Gedanke an die Schatulle in der Tasche seines Morgenmantels beschwingte ihn mehr, als es mit einer Tasse Kaffee jemals möglich gewesen wäre. Warum er gerade jetzt an Kathys Krankheit dachte, die als böse Wolke vor einigen Jahren versucht hatte, ihr Glück zu überschatten, wusste er selbst nicht. Phil erinnerte sich an die endlosen Stunden im Krankenhaus, daran, wie sich Kathy voller Angst an seine Hand klammerte, an die Ärzte mit den hilflosen Gesichtern und an den Tag, als er begriff, dass alles gut werden würde, wenn man nur tief genug liebt. Um nichts in der Welt konnte er sich ein Leben ohne sie vorstellen. Voller Dankbarkeit über das Geschenk ihrer Gegenwart seufzte er. Nachdem Phil seinen Kaffee getrunken hatte, schlich er zur Schlafzimmertüre. Aus dem Zimmer war kein Mucks zu hören. Er überlegte kurz, wie er die passende Atmosphäre für sein Geschenk schaffen könnte. Ihm fiel Kathys Lieblingsparfüm ein. Seit ihrer Krankheit strömte Kathy manchmal einen merkwürdigen Geruch aus. Darum gab es immer genug Duftwasser im Haus, so dass sie bekommen konnte, soviel sie brauchte. Phil nahm den Flakon aus dem Badezimmerschrank. Vorsichtig machte er die Tür zum Schlafzimmer auf und versprengte einige Spritzer davon. Sofort erfüllten alle Wohlgerüche des Orients den Raum. Dann holte er den Blumenstrauß aus dem Wohnzimmer und stellte ihn behutsam auf die Kommode. „Genauso muss es sein, wenn meine Liebste beschenkt wird“, dachte Phil. Er wusste, dass sie sich freuen würde, weil er sich freute. So wie er damals sicher war, dass sie verstand, warum er ihr die Spritze geben musste. Kathys Leben, von ihm getrennt, in einem Heim, geistig umnachtet, ohne Aussicht auf Heilung – er hätte es nicht ertragen. Doch seine Liebe hatte ihm einen Ausweg gezeigt. Phil war mit seinem Werk zufrieden. Er trat neben Kathys Bett und schaute auf ihr entspanntes Gesicht. Vorsichtig beugte er sich zu ihr hinunter. „Hallo mein Liebling“, flüsterte er zärtlich. „Hier ist etwas für dich, das wir schon lange vermisst haben...“ Mit vor Aufregung zitternden Fingern öffnete er die kleine Schatulle. „Sieh her, mein Engel was ich für dich habe“. Phil nahm zwei wunderschöne, blaue Glasaugen heraus. „Ich setze sie dir gleich ein, damit du wieder sehen kannst!“ Endlich würde sie ihn wieder anblicken! Seine Hände liebkosten ihre kalten Wangen und strichen über ihr stumpfes Haar. Langsam löste sich ein großes Stück der Kopfhaut. „Ja, mein Herz, eine Perücke werde ich dir auch besorgen. Du sollst schön sein für mich….!“ |